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(Was) würde Jesus wählen? – Nachdenkliches zu “Christ und Politik”

[Lesezeit: 7 Minuten]

Hunderttausende Menschen aus unterschiedlichsten Parteien engagieren sich seit vielen Jahrzehnten in der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik unseres Landes und gestalten den rechtlichen Rahmen unseres Lebens. Unter ihnen sind auch viele tausend Christen, die in ihrem Glauben eine großartige Quelle sehen, dieses Land besser zu machen. Demnächst ruft uns die Bundestagswahl wieder an die Urnen und lädt dazu ein, dieses Land mitzugestalten. Höchste Zeit also, mal grundsätzlich zu klären, wie bekennende Christen sich politisch betätigen und inwiefern es hier noch Potenziale gibt. Ich bin dabei einer ganz schön kniffligen Herausforderung auf die Spur gekommen.

Der Autor dieses Artikels, Jens Wätjen, ist seit vielen Jahrzehnten engagierter Christ und war in diversen freikirchlichen Gemeinden auch leitend aktiv. Seit fast drei Jahren ist er Mitglied einer Unions-Partei und bringt sich aktiv in seinem Kreisverband in Baden-Württemberg ein.

Ehrenamtliches Engagement hält unsere Welt zusammen

Das große “Pfund” der Christen in unserer Gesellschaft
Ohne Frage haben Christen unser Land sehr geprägt und große Fußspuren hinterlassen. Bezüglich der aktuellen Entwicklung von Kirchenaustritten kann man entgegnen, dass das Glas ja nicht halb leer sein muss, man kann es auch halb voll sehen. Immerhin knapp 50 % der Einwohner Deutschlands sind, nach wie vor, Mitglied einer der beiden Kirchen oder von Freikirchen – das sind nicht gerade wenig. Und etwa 10 % aller Erwachsenen gehen einmal im Monat zum Gottesdienst oder einer kirchlichen Veranstaltung und zeigen damit eine gute innere Bindung an den Glauben, das sind immerhin etwa 7 Mio. Erwachsene.

Etwa 4 Mio. Menschen in Deutschland engagieren sich in einer der beiden Kirchen oder in Freikirchen sogar ehrenamtlich. Sie setzen ihre Zeit, Kraft und Ressourcen für andere Menschen ein, ohne Bezahlung, versteht sich. 4 Millionen Menschen, das ist der zweitgrößte Wert nach den Vereinen. All das ist ein großes Pfund für eine Gesellschaft, die immer mehr auseinanderzudriften droht. Die Botschaft und das Vorbild von Jesus Christus haben Deutschland, eine der führenden Industrienationen der Welt, umfassend geprägt. Die Bibel und das Gebet gelten immer mehr Menschen als überragende Quelle der Inspiration. Einige sagen gar, dass sie dadurch Heilung, Versöhnung und Frieden für ihr Leben erfahren haben. Als Folge daraus wachsen Motivation und Lebenskraft, weit mehr als man für sich selber benötigen würden.

Und so schauen sie nach anderen Menschen, übernehmen Verantwortung in unserer Gesellschaft, kümmern sich um die Schwachen, Kranken und Notleidenden, verbringen ihre Freizeit mit Pfadfindergruppen und in der Betreuung älterer Menschen – richtig stark! Der Auftrag von Jesus in vielen Erzählungen und durch sein Vorbild lautete ganz klar, sich um unsere Gesellschaft / den Nächsten zu kümmern, die Augen vor der Not nicht zu verschließen und alle Chancen zu nutzen, unser Umfeld positiv zu prägen. Unvergessen das bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter und viele andere mehr.

Der langjährige CDU/CSU Fraktionsvorsitzende Volker Kauder; es gibt zahlreiche Politiker, für die der christliche Glaube sehr inspirierend ist

Christlicher Glaube und Politik – eine gute Idee?
Immer öfter hört man auch von Christen, die sich aufgrund ihres Glaubens politisch betätigen. Das macht insofern Sinn, als ihre Botschaft wohltuend und versöhnend ist. Daher gibt es viel Grund anzunehmen, dass ihr politisches Engagement ebenfalls gute Auswirkungen auf diese Gesellschaft haben wird. 

Allerdings gibt es einen kleinen Haken bei der Sache: Politisches Engagement ist so in der Bibel nicht zu finden, da das Neue Testament zur Zeit des Römischen Reiches geschrieben wurde, in dem politische Betätigung nicht vorgesehen war, im Gegenteil. Wenn man mit Gemeindepastoren und Pfarrern redet, welche Chancen sie in politischem Engagement von Christen sehen, winken einige ab. Kein Kommentar! Zu groß ist die Angst, dass die Politik Streit und Uneinigkeit in die Gemeinden bringt. “Gemeinde sollte sich neutral verhalten und zu politischen Fragen am besten genau gar keine Aussagen machen”, ist die grundsätzliche Ansicht von vielen Pastoren und Gemeinde-verantwortlichen.

Allerdings gibt es da so ein paar politische Themen, die selbst die Herzen der neutralsten Pastoren nicht unberührt lassen. Und so wird es geduldet und teils aktiv unterstützt, dass diverse Newsletter, Gebetsrundbriefe sowie Petitionen ohne Zahl in christlichen Kreisen multipliziert werden. Wenn man sich einmal als politisch interessierter Mensch geoutet hat und die eigene E-Mail-Adresse dort eingetragen hat, wird man schon bald mehrere aufwühlende Infos pro Woche erhalten. Jedes Mal das Gefühl, dass es immer schrecklicher wird, in dieser Welt und alles den Bach runtergeht. Der Ton dieser Schreiben ist meist bewusst kritisch und negativ gehalten, da man ja nicht Teil des Systems sein möchte und den Anspruch hat, die Vorgängen von außen neutral zu beurteilen. Man will den Mächtigen auf die Finger (sc)hauen.

Petitionen sind schnell online unterschrieben, nachhaltige, politische Gestaltung unseres Landes sieht allerdings anders aus

Die Folge ist eine große Täuschung
Genau dort, wo Gemeinden die Politik ausblenden, ist so zunächst ein Vakuum und dann, quasi durch die Hintertür, eine veritable politische Landschaft entstanden, die nur leider ein wenig negativ, unzufrieden und protesthaft erscheint. Nach meiner Beobachtung hat das fatale Folgen für die politische Stimme des Christentums, was ausgesprochen traurig ist. Eigentlich hat das Christentum, das unser Land massiv stützt und stärkt, wirklich viel zu sagen und könnte die deutsche Demokratie außerordentlich positiv prägen.   

Dadurch, dass Parteiarbeit, also der reguläre Weg, unser Land politisch zu gestalten, offiziell meist verpönt ist, verlassen sich die politisch interessierten Christen meist auf Newsletter, Gebetsrundbriefe und Petitionen, was ihre demokratische Stimme weitgehend neutralisiert. In der Konsequenz bedeutet das den Rückzug eines Teils der Christenheit aus dem demokratischen Prozess unseres Landes und ein Leben in einer politischen Scheinwelt, die nichts bewirkt – eine Täuschung! Man denkt, man ist aktiv, merkt aber nicht, dass viele Petitionen am Ende des Tages oft fruchtlos sind. Petitionen sind ein kleinteiliges Instrument in Demokratien, schwierige Einzelfragen zu klären, die in den Parteiprogrammen nicht vorkommen. Zum nachhaltigen Prägen unseres Landes sind sie eher wenig geeignet.

Man merkt nicht, wie die Wählerstimmen für Protestparteien dem Christentum in Wirklichkeit schaden, da sie die große Chance verpassen, mitzugestalten. Jede Stimme an eine Partei, die wahrscheinlich nicht mitregieren wird, stärkt den politischen Gegner! Das könnte sich bei den großen Herausforderungen unseres Landes in der Zukunft und in der möglicherweise bald aufziehenden Diskussion um den Abtreibungsparagrafen 218 als fatale Fehlentscheidung erweisen.

Das Problem dabei
Viele der oben erwähnten Newsletter, Gebetsbriefe und Petitionen sind leider gar nicht so neutral wie sie vorgeben, sondern verfolgen durchaus eine eigene Agenda. Einige werden von Sympathisanten politischer Protestparteien herausgegeben, die sich aber nicht offen dazu bekennen, andere werden von politischen Laien gestreut, die mit viel prophetischem Eifer und wenig politischer Vorbildung die Zeichen der Zeit zu deuten versuchen. Da sie politische Vorgänge meist nicht verstehen, können sie diese natürlich auch nicht wirklich erklären. Wieder andere sammeln einfach E-Mail Adressen und Spendengelder um sie für ihre eigenen Ziele einzusetzen und ein möglichst großes Netzwerk vorzuhalten.

Durch die vordergründige politische Neutralität von Gemeinden ist meines Erachtens ein Sumpf (ja, tatsächlich!) von Unwissenheit und Unzufriedenheit im Christentum entstanden, der niemandem hilft.

Im Gegenteil: Wenn Politiker immer wieder von hunderten Protest E-Mails mit teils wüsten Beschimpfungen, Unwahrheiten und Unterstellungen sowie Verwünschungen konfrontiert werden, die offensichtlich christlich motiviert sind, wird das langfristig dazu führen, dass die christliche Stimme Schaden leidet. Solche wilden und meist angst-gesteuerten Aktionen führen die Christenheit ins politische Abseits, da niemand solche Äußerungen ernst nimmt.  

Was sollen wir tun?
Unser Land braucht, gerade jetzt, angesichts großer Herausforderungen im Klimaschutz, im Sozialen und der wohl anstehenden Diskussion um das Thema Abtreibung, positive und engagierte Stimmen von Christen, die sich in allen demokratischen Parteien einbringen!

Die Evangelische Allianz hat es vorgemacht und einen Arbeitskreis Politik gegründet, der politisch interessierten Menschen aller Parteien offen steht. Hier gibt es Infos und Kontakt dazu. Dies kann ein Muster für christliche Gemeinden sein, sich zu öffnen und der politischen Betätigung einen Rahmen zu geben. Gemeinden und Werke sollten politische Bildung bewusst fördern und Politiker zu Gesprächen und Diskussionen zu Themen, die ihnen wichtig sind, einladen. Diese Diskussionen können ja durchaus konträr sein, sollten aber von etwas politischem Sachverstand und Anstand geprägt sein.

Lasst uns die Politik aus dem Schattendasein herausholen und ihr einen Rahmen geben, der nachvollzogen werden kann und einer Kontrolle unterliegt. Sinnvolle Regeln für die Gebete und Gespräche vor Ort können bei der Evangelischen Allianz erfragt werden.  

Ihr Jens Wätjen

veröffentlicht im September 2021 durch Jens Wätjen

[alle Fotos in diesem Beitrag von 123rf.com] 


2 Kommentare zu „(Was) würde Jesus wählen? – Nachdenkliches zu “Christ und Politik”“

  1. Gut gemeint, aber mit der starken Scheuklappe eines Politikers geschrieben, der bereits in seinem System gefangen ist. Denn jede Stimme für eine Regierungspartei unterstützt auch die (z.T. immer stärker werdendende) antichristliche Einstellung!

    Erschwerend kommt hinzu, dass echte Demokratie scheinbar nicht mehr gewollt wird. Ausgrenzung Andersdenkender, Meinungsdikatur und politische Selbstherrlichkeit unterstützte ich immer mit meiner Stimme, wenn ich die wiederwähle, die das tun.

    Es ist beides nötig: Ehrliche Wahl, wo ich mein Kreuz mit gutem Gewissen (besser: beim kleinstem Übel!) machen kann. Und wenn ich aktiv etwas ändern möchte, gelingt das nur durch Mitgliedschaft und aktives Mitgestalten in einer Partei.

    Was erschreckend ist: Ausgrechent die afd vertritt in vielen Punkten die Werte und Positionen, die die CDU sonst innehatte – und die CDU entfernt sich immer weiter davon!! Rechstradikal ist keine Alternative! Aber als Christ fällt es mir immer schwerer, ja ist es mir ehrlich gesagt unmöglich geworden, die CDU derzeit wählen zu können. Das Dilemma ist, was ist das kleinste Übel???

    1. Schade, dass Sie unter Kürzel kommentieren. Der Kommentar scheint mir sehr meinungsstark und faktenschwach zu sein. Es auch gibt sehr viele Punkte, weshalb sich unsere Gesellschaft immer positiver entwickelt. Bei Entwicklungen gehen Hand in Hand und es gibt keinen Grund dafür schwarz zu sehen.

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